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Du hast Schmerzen, aber die Untersuchungen zeigen nichts?
Das bedeutet nicht, dass deine Schmerzen nicht real sind
Du hast Schmerzen. Vielleicht schon seit Wochen, Monaten oder sogar Jahren.
Du warst beim Arzt. Vielleicht wurde geröntgt, ein MRT gemacht, Blut untersucht oder verschiedene andere Untersuchungen durchgeführt. Und dann kommt dieser Satz:
„Man sieht nichts Auffälliges.“
Oder:
„Ihre Befunde sind unauffällig.“
Doch genau hier liegt ein häufiges Missverständnis.
Ein unauffälliger Befund bedeutet nicht, dass du keine Schmerzen hast.
Und es bedeutet auch nicht automatisch, dass „alles in Ordnung“ ist.
Schmerzen sind nicht dasselbe wie ein sichtbarer Schaden
Schmerz entsteht nicht einfach dadurch, dass irgendwo im Körper ein beschädigtes Gewebe liegt.
Schmerz ist eine komplexe Schutzreaktion deines Nervensystems. Dein Gehirn verarbeitet dabei viele verschiedene Informationen: Signale aus dem Körper, Erfahrungen, Bewegungen, Aufmerksamkeit, Stress, Schlaf, Sicherheit und vieles mehr.
Das bedeutet:
Du kannst Schmerzen haben, obwohl eine Untersuchung keinen eindeutigen strukturellen Schaden zeigt.
Und umgekehrt können Menschen Veränderungen auf einem MRT haben, ohne überhaupt Schmerzen zu verspüren.
Das sieht man beispielsweise häufig an der Wirbelsäule. Bandscheibenveränderungen oder andere Verschleißzeichen können vorhanden sein, ohne dass die betreffende Person Beschwerden hat.
Der sichtbare Befund und das Schmerzempfinden sind deshalb nicht immer deckungsgleich.
Warum findet man manchmal keine eindeutige Ursache?
Eine Untersuchung wie ein Röntgenbild oder MRT zeigt vor allem bestimmte strukturelle Veränderungen.
Schmerz ist aber nicht ausschließlich eine strukturelle Angelegenheit.
Dein Nervensystem bewertet ständig:
„Ist das gerade gefährlich für mich?“
Dabei werden Informationen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander verarbeitet.
Zum Beispiel:
Wie stark ist ein Reiz?
Was hast du mit diesem Reiz bisher erlebt?
Wie empfindlich ist dein Nervensystem gerade?
Wie viel Stress hast du?
Wie hast du geschlafen?
Bewegst du dich gerade vorsichtig oder frei?
Erwartest du Schmerzen?
Fühlst du dich sicher oder bedroht?
Das bedeutet nicht, dass du dir Schmerzen „einbildest“.
Es bedeutet vielmehr, dass dein Gehirn und dein Nervensystem aktiv an der Entstehung und Verarbeitung von Schmerz beteiligt sind.
Dein Nervensystem kann empfindlicher werden
Stell dir einen Rauchmelder vor.
Normalerweise schlägt er nur Alarm, wenn tatsächlich viel Rauch vorhanden ist.
Wenn das System jedoch besonders empfindlich eingestellt ist, kann der Alarm bereits bei einem kleinen Reiz ausgelöst werden.
Ähnlich kann sich auch das Schmerzsystem verändern.
Nach einer Verletzung oder Erkrankung kann das Nervensystem zunächst besonders aufmerksam sein. Bei manchen Menschen bleibt diese erhöhte Empfindlichkeit bestehen, obwohl die ursprüngliche Verletzung längst verheilt ist.
Dann können Bewegungen, Berührungen oder Belastungen schmerzhaft werden, die früher problemlos möglich waren.
Das bedeutet nicht, dass der Schmerz „falsch“ ist.
Der Alarm ist real – auch wenn die ursprüngliche Gefahr nicht mehr vorhanden oder nicht eindeutig sichtbar ist.
„Aber ich spüre doch ganz deutlich, wo es weh tut!“
Natürlich.
Schmerzen können sehr genau lokalisiert sein.
Du kannst beispielsweise sagen:
„Meine Schulter tut weh.“
„Ich habe Schmerzen im unteren Rücken.“
„Mein Knie schmerzt beim Treppensteigen.“
„Mein Nacken fühlt sich ständig verspannt an.“
Das Schmerzempfinden findet tatsächlich statt.
Aber die Stelle, an der du den Schmerz spürst, muss nicht zwingend die Stelle sein, an der der entscheidende Auslöser liegt.
Das ist einer der Gründe, warum es bei chronischen Beschwerden manchmal sinnvoll sein kann, nicht ausschließlich dort zu arbeiten, wo es weh tut.
Warum der Schmerz nicht immer dort „behandelt“ werden muss, wo er sitzt
Unser Nervensystem arbeitet nicht nach dem Prinzip:
Schulter schmerzt → Problem muss in der Schulter liegen.
Bewegung, Wahrnehmung, Gleichgewicht, Augen, Atmung und andere sensorische Informationen stehen miteinander in Verbindung.
Deshalb kann es interessant sein zu beobachten, ob sich ein Schmerz verändert, wenn du beispielsweise:
deine Atmung veränderst,
deine Blickrichtung veränderst,
eine andere Bewegung ausprobierst,
Gleichgewichtsreize setzt,
eine andere Körperregion bewegst,
oder deinem Nervensystem einen neuen sensorischen Reiz gibst.
Das ist keine Garantie dafür, dass die Schmerzen verschwinden.
Aber es kann wichtige Informationen darüber liefern, wie dein Nervensystem gerade auf bestimmte Reize reagiert.
Was du aus einem unauffälligen Befund mitnehmen kannst
Wenn deine Untersuchungen keinen eindeutigen Grund für deine Schmerzen zeigen, musst du daraus nicht schließen:
„Ich habe nichts.“
Vielleicht ist die bessere Frage:
„Welche Faktoren beeinflussen meinen Schmerz?“
Das eröffnet eine ganz andere Perspektive.
Statt nur nach einem beschädigten Körperteil zu suchen, kannst du gemeinsam mit Fachpersonen untersuchen, wie dein gesamtes Schmerzsystem auf unterschiedliche Reize reagiert.
Dabei können unter anderem Bewegung, Wahrnehmung, Schlaf, Stressregulation, Atmung und das Erleben von Sicherheit eine Rolle spielen.
Wichtig: Schmerzen sind immer ernst zu nehmen
Eine neurozentrierte oder ganzheitliche Betrachtung bedeutet nicht, dass medizinische Untersuchungen überflüssig sind.
Neue, starke oder ungewöhnliche Schmerzen sollten medizinisch abgeklärt werden.
Auch ein zunächst unauffälliger Befund sollte nicht dazu führen, dass Beschwerden einfach abgetan werden.
Besonders wichtig ist eine erneute medizinische Abklärung, wenn sich Beschwerden deutlich verändern, neue Symptome hinzukommen oder Warnzeichen auftreten.
„Auf dem MRT sieht man nichts“ ist deshalb nicht dasselbe wie „Du hast nichts“.
Dein Schmerz ist real – auch wenn man ihn nicht sehen kann
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft:
Du musst keinen sichtbaren Schaden haben, damit dein Schmerz real ist.
Schmerz ist eine Leistung deines Nervensystems. Und dieses Nervensystem kann lernen, empfindlicher zu reagieren.
Die gute Nachricht:
Wenn das Nervensystem veränderbar ist, bedeutet das auch, dass wir nicht vollkommen machtlos sind.
Wir können beobachten.
Wir können ausprobieren.
Wir können neue Reize setzen.
Und wir können unserem Nervensystem Schritt für Schritt neue Informationen geben.
Nicht jeder Schmerz verschwindet dadurch.
Aber manchmal beginnt eine Veränderung genau dort, wo man aufhört, ausschließlich nach dem „kaputten Körperteil“ zu suchen.
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Nicht nur: „Wo tut es weh?“
Sondern auch:
„Welche Signale bekommt mein Nervensystem gerade – und wie reagiert es darauf?“