Ausgerechnet im Urlaub hatte ich zwei Schmerzschübe und eine Migräneattacke. Früher hätte ich das als Rückschritt gewertet. Heute sehe ich darin etwas anderes:
wertvolle Informationen meines Nervensystems.
Vielleicht kennst du das auch: Du freust dich auf eine Auszeit, möchtest etwas erleben, bist gut vorbereitet – und dann macht dein Körper plötzlich nicht mehr mit.
Genau das ist mir während meines Urlaubs in England passiert.
Schmerzschub Nummer 1: Der Coast Path in Cornwall
Eine meiner ersten Wanderungen führte mich auf einen Abschnitt des wunderschönen Coast Path in Cornwall. Die Strecke galt als eher leicht und ich fühlte mich gut vorbereitet.
Was ich jedoch unterschätzt hatte, waren die ständigen kleinen Anstiege und Abstiege. Jeder einzelne für sich war kein Problem. In der Summe bedeuteten sie jedoch eine deutlich höhere Belastung für mein System, als ich erwartet hatte.
Dann passierte etwas, das viele Menschen mit chronischen Schmerzen kennen: Ganz plötzlich verließen mich die Kräfte. Ohne Vorwarnung. Eben noch unterwegs, im nächsten Moment fühlte sich mein Körper an, als hätte jemand den Stecker gezogen.
Eigentlich hatte ich mir vorher einen „Notausstieg“ zurechtgelegt. Falls es zu viel werden sollte, wollte ich dort den Bus zurück nehmen. Doch der angekündigte Bus kam nicht.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als den gesamten Weg bis zum Ausgangspunkt zurückzugehen.
In diesem Moment ging es nicht mehr darum, die schöne Landschaft zu genießen. Es ging nur noch darum, irgendwie anzukommen.
Die Quittung folgte unmittelbar: Die nächsten Tage verbrachte ich größtenteils in der Ferienwohnung.
London: Wenn das Gehirn auf Hochleistung läuft
Nach Cornwall führte mich die Reise weiter über London nach Cambridge.
Eigentlich war nur ein halber Tag in London geplant. Doch manchmal reicht schon ein halber Tag.
Volle U-Bahnen, Menschenmassen, ständige Orientierung in einer fremden Umgebung, Lärm, visuelle Reize und lange Wege – mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren.
Viele denken bei Belastung zuerst an körperliche Anstrengung. Für unser Nervensystem können jedoch auch Reizflut und permanente Aufmerksamkeit enorme Anforderungen darstellen.
Die Folge ließ nicht lange auf sich warten: Ein Migräneschub.
Statt Cambridge zu erkunden, lag ich zunächst wieder in der Ferienwohnung und gab meinem Nervensystem die Ruhe, die es offensichtlich eingefordert hatte.
Diesmal besser geplant – und trotzdem ein Schmerzschub
Nach diesen Erfahrungen plante ich bewusster.
Für einen längeren Spaziergang wählte ich eine Strecke ohne ständige Auf- und Abstiege. Ich legte mehr Pausen ein und achtete genauer auf meine Belastung.
Und dennoch kam es erneut zu einem Schmerzschub.
Der Unterschied: Er fiel deutlich moderater aus.
Früher hätte ich vielleicht gedacht: „Siehst du, die Planung hat nichts gebracht.“
Heute sehe ich das anders.
Mein Nervensystem hatte in den Tagen zuvor bereits viel verarbeitet. Reisen, neue Eindrücke, Ortswechsel, Schmerzen und Migräne hinterlassen Spuren. Dass der zweite Schmerzschub weniger intensiv ausfiel, werte ich deshalb durchaus als Erfolg.
Nicht weil die Beschwerden komplett ausgeblieben sind.
Sondern weil mein System besser mit der Belastung umgehen konnte.
Was ich aus diesem Urlaub mitnehme
Diese Reise hat mich erneut daran erinnert, dass Belastung sehr individuell ist.
Nicht jede Herausforderung kündigt sich rechtzeitig an. Nicht jede Reaktion des Körpers lässt sich verhindern. Und nicht jede gute Planung garantiert einen beschwerdefreien Tag.
Aber wir können lernen, die Signale unseres Nervensystems besser zu verstehen.
Wir können neugierig bleiben, statt uns zu verurteilen.
Wir können Belastungen besser einschätzen, Pausen bewusster einsetzen und Erfahrungen sammeln, die uns beim nächsten Mal helfen.
Vor allem aber dürfen wir akzeptieren, dass Fortschritt nicht bedeutet, nie wieder Schmerzen oder Migräne zu haben.
Fortschritt bedeutet oft, früher zu erkennen, was passiert. Besser darauf zu reagieren. Und schneller wieder ins Gleichgewicht zu finden.
Genau deshalb fasziniert mich die neurozentrierte Arbeit so sehr: Sie hilft uns, die Sprache unseres Nervensystems besser zu verstehen.
Und manchmal beginnt dieses Verstehen ausgerechnet in den Momenten, die wir ursprünglich ganz anders geplant hatten.